Workshop-Reihe:
Die Dialektik der Aufklärung lesen

Im Rahmen der Philo-Lounge, organisiert von der Fachschaft Philosophie, wird Victor Weisbrod eine Workshop-Reihe zu Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Werk Dialektik der Aufklärung (1944/1969) leiten. 

Die Dialektik der Aufklärung  gehört zu den einflussreichsten und zugleich anspruchsvollsten Werken der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. In der Workshop-Reihe werden wir zentrale Passagen des Textes gemeinsam lesen, interpretieren und diskutieren. Die erste Sitzung dient vor allem der Einführung in den allgemeinen Deutungsrahmen und in die methodischen Voraussetzungen der Lektüre. In den folgenden Sitzungen liegt der Schwerpunkt zunehmend auf der gemeinsamen Diskussion längerer Textpassagen. Es wird empfohlen, zu den Sitzungen ein eigenes Exemplars von Dialektik der Aufklärung mitzubringen.

Wann: Montags 18 - 20 Uhr (c.t.), 22.06.-13.07.2026

Wo: Institut für Philosophie, Logik-Bibliothek, 2. OG, Raum 2.014,
Heinrich-von-Kleist-Straße 22-28, 53113 Bonn

Jeder ist herzlich willkommen. Keine Anmeldung ist erforderlich.

Poster Workshop-Reihe Die Dialektik der Aufklärung lesen
© Victor Weisbrod / CST

Sitzungen

Zum Auftakt der Reihe wird die übergreifende Lesart der Dialektik der Aufklärung vorgestellt, nämlich, als eine Genealogie der Aufklärung verstanden als einer historisch sich wandelnden Lebensform. Adorno und Horkheimer präsentieren dabei eine teils fiktionale, teils geschichtliche Erzählung der Aufklärung als Ensemble sozialer Praktiken, das die Menschheit von Angst, Abhängigkeit und Vorurteilen befreien und zu einem „wahrhaft menschlichen Zustand“ führen sollte, das aber in sein Gegenteil, einer „neue[n] Art von Barbarei“ umgeschlagen ist (DdA, 11). Im Zentrum stehen die Fragen, was eine Genealogie ist, was eine Lebensform ist, und was es bedeutet, die Aufklärung als eine historisch sich wandelnde, selbstzerstörende Lebensform zu verstehen (DdA, 13). Diese Sitzung hat überwiegend einführenden Charakter, diskutiert werden lediglich ein bis zwei kürzere Textpassagen.

In der zweiten Sitzung wenden wir uns den Ursprüngen und Funktionsweisen der Aufklärung zu. Ausgangspunkt ist das menschliche Bedürfnis nach Selbsterhaltung und die Erfahrung von Angst angesichts einer fremden und überwältigenden Wirklichkeit, jener „Ruf des Schreckens“, von dem Adorno und Horkheimer sprechen (DdA, 31-32). Von dort aus verfolgen wir die Entwicklung der Aufklärung durch ihre verschiedenen historischen Gestalten. Im Mittelpunkt stehen die Mechanismen, durch die die Welt zunehmend beherrschbar und berechenbar gemacht wird: „Entzauberung der Welt“ (DdA, 19), Entanthropomorphisierung und „Entmythologisierung“ (DdA, 22-23), „Abstraktion“ (DdA, 29). Gemeinsam untersuchen wir, wie diese Dynamiken den Übergang von frühen mythischen Formen des Welt- und Selbstbezugs bis hin zur spätmodernen, verwalteten Gesellschaft strukturieren.

Die Dialektik der Aufklärung wird häufig als radikale Absage an die Aufklärung oder als Ausdruck kulturpessimistischer Resignation gelesen. In dieser Sitzung soll gezeigt werden, warum eine solche Interpretation zu kurz greift. Wir untersuchen, worin die Kritik Adornos und Horkheimers an der aufgeklärten Lebensform eigentlich besteht und warum sie nicht auf ihre Verwerfung, sondern auf ihre Selbstaufklärung zielt. Im Zentrum steht die These, dass die Krise der Aufklärung aus einem Mangel an Reflexion hervorgeht: Aufklärung wird dort destruktiv, wo sie ihre eigenen Voraussetzungen, Grenzen und Herrschaftsformen nicht mehr zum Gegenstand der Kritik macht. Gerade deshalb eröffnet die genealogische Kritik der Aufklärung dem Weg zu einen „positiven Begriff von ihr“ (DdA, 16). Gemeinsam diskutieren wir, welche Möglichkeiten einer nicht-dominierenden, reflektierten Form von Aufklärung Adorno und Horkheimer andeuten und welche emanzipatorischen Potenziale selbst in einer von Barbarei geprägten Gegenwart noch fortbestehen.

Zum Abschluss der Reihe widmen wir uns dem ersten Exkurs der Dialektik der Aufklärung, „Odysseus oder Mythos und Aufklärung“. In einer ebenso ungewöhnlichen wie einflussreichen Interpretation lesen Adorno und Horkheimer Homers Odyssee als allegorische Vorgeschichte des modernen bürgerlichen Subjekts. Anhand zentraler Episoden verfolgen wir, wie sich eine Form von Subjektivität herausbildet, die auf Berechnung von und Distanz zur äußere sowie innere Natur beruht. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Praktiken der List, des Opfers und der Entsagung sowie der Instrumentalisierung anderer Menschen gelegt. Die Figur des Odysseus erscheint so als Urform eines Subjekts, das seine Freiheit gerade durch Prozesse der Selbstdisziplinierung und Herrschaft gewinnt, und damit bereits jene Spannungen verkörpert, die für die Lebensform der Aufklärung insgesamt charakteristisch sind.

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